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Reise zur Bibliothek der toten Domains.

Der Keller und das Flüstern der Festplatten.

Die Festplatten atmeten. Elias hörte es zum ersten Mal, als er den Keller betrat. Ein gleichmäßiges, tiefes Summen, das nicht von den Ventilatoren kam. Es war ein Geräusch, das sich in seine Knochen fraß, das jeden Besucher daran erinnerte, dass dieser Ort nicht nur aus Mauerwerk, Stahl und Kabeln bestand. Dieser Ort lebte. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Das Licht der Neonröhren flackerte, wollte ihn warnen. Elias zögerte. Seine Hand lag auf dem kühlen Metall des Türgriffs, aber er drehte sich nicht um. Er war gekommen, um seinen Internetauftritt zu retten. Er wusste nicht, dass er dabei war, seine Seele zu verlieren.

Die Anzeige im Netz.

Es war eine kleine Anzeige in einer Ecke des Internets, die Elias eines Nachts entdeckte. Irgendwo zwischen Werbebannern und gesponserten Links, fast unsichtbar, wie ein Flüstern im Lärm der digitalen Welt. *Günstiges Webhosting. Unschlagbare Preise. Provider mit Herz und Seele.* Elias klickte darauf. Die Seite war simpel. Ein schwarzer Hintergrund mit weißen Buchstaben, keine Bilder, keine Logos. Die Schrift erinnerte an alte Schreibmaschinentexte, an eine Zeit, bevor das Internet bunt und laut geworden war. *Domain inklusive. Webspace unbegrenzt. Keine versteckten Kosten. Bezahlung: flexibel.* Er las den Text zweimal. Drei- mal. Er suchte das Kleingedruckte, die Fallstricke, die versteckten Klauseln. Er fand nichts. Der Preis war fast lächerlich niedrig. Elias klickte auf "Buchen". Er ahnte nicht, dass dieser Mausklick sein Leben in eine andere Richtung lenken würde. Eine Richtung, die ihn in einen Keller führen sollte. Eine Richtung, die ihn zu einer Bibliothekarin führen sollte, die die Domains der Toten bewachte.

Der Keller unter Dresden.

Die Adresse führte ihn in einen Hinterhof der Dresdner Neustadt. Die Häuser waren alt, die Fassaden verwittert. Ein verwirrendes Labyrinth aus Treppen, Gängen und verwinkelten Innenhöfen. Elias fand den Eingang schließlich hinter einer Mülltonne. Eine schmale Stahltür, so unscheinbar, dass sie leicht zu übersehen war. Kein Klingelschild, kein Firmenlogo. Nur ein kleiner Aufkleber mit einer Zahl. Er klopfte. Die Tür öffnete sich, als hätte sie auf ihn gewartet. Der Geruch, der ihm entgegenschlug, war schwer und süßlich. Es roch nach altem Papier, nach Staub und nach etwas anderem. Etwas, das er nicht einordnen konnte. Es roch nach Vergessenheit. Er ging die Treppe hinab. Die Stufen knarrten unter seinen Füßen. Das Licht wurde schwächer, die Luft enger. Dann öffnete sich der Raum. Es war keine Serverfarm, die er erwartet hatte. Keine blinkenden Lichter, keine surrenden Lüfter. Es war ein Archiv. Tausende von Regalen, gefüllt mit Ordnern, Büchern, Kassetten. Und in der Mitte des Raumes stand eine Frau. Ihr Haar war grau, ihre Augen waren hell, fast durchsichtig. Sie trug ein Kleid aus schwarzem Samt, das bis zum Boden reichte. "Du bist Elias", sagte sie. "Ich habe auf dich gewartet."

Die Bibliothekarin.

Die Frau hieß Lilith. Ihre Stimme war leise, aber eindringlich. Jedes Wort schien ein Eigengewicht zu haben, als ob sie es sorgfältig ausgewählt hätte, bevor sie es aussprach. "Webhosting", sagte sie, während sie Elias durch die Regale führte. "Ein interessantes Wort. Es bedeutet, dass du jemandem vertraust, einen Teil deiner selbst aufzubewahren." Sie blieb vor einem Regal stehen. In den Ordnern steckten keine Papiere, sondern kleine, beschriftete Kärtchen. "Jede Domain, die je existiert hat, ist hier archiviert", sagte Lilith. "Jede Website, die je online war, hat einen Platz in meiner Bibliothek." Elias sah die Kärtchen genauer an. Auf jedem stand ein Name. Domains. *example.com. meinblog.de. vergessene-seite.net.* "Wer hat das alles gesammelt?", fragte er. Lilith lächelte. Es war ein Lächeln ohne Wärme. "Das habe ich selbst getan. Seit dreißig Jahren. Jede gelöschte Seite, jede verfallene Domain, jedes vergessene Projekt – sie alle landen bei mir." Ihre Finger strichen über ein Kärtchen. "Hier, zum Beispiel. Die erste Seite eines Dichters. Er hat sie nie gelöscht, aber sie wurde von seinem Provider gelöscht, weil er die Rechnung nicht bezahlt hat. Der Dichter ist längst tot. Aber seine Worte leben hier weiter." Elias spürte eine Gänsehaut auf seiner Haut. "Was hat das mit meinem Webspace zu tun?", fragte er. Lilith drehte sich zu ihm um. Ihre Augen waren jetzt dunkler, tiefer. "Dein Webspace ist mehr als nur Speicherplatz, Elias. Es ist ein Teil von dir. Und du hast ihn an jemanden verkauft, der ihn nicht nur vermieten, sondern besitzen will."

Der erste Preis.

Elias unterschrieb den Vertrag, ohne ihn ganz gelesen zu haben. Es war ein langes Dokument, voller Paragraphen und Fachbegriffe, die er nicht verstand. Aber der Preis war so günstig, dass er keine Fragen stellen wollte. Der Provider hieß **Globale Datenarchiv GmbH**. Ein Name, der nach nichts klang. Ein Name, der so unscheinbar war, dass er fast verschwand. Die erste Woche war perfekt. Seine Website lud schneller als je zuvor. Die Besucherzahlen stiegen. Der Webspace war unbegrenzt, die Domain war stabil. Aber dann begann Elias, Dinge zu vergessen. Es begann mit Kleinigkeiten. Der Name eines Kunden, den er erst gestern getroffen hatte. Der Geburtstag seiner Schwester. Der Geschmack von Kaffee am Morgen. Er dachte, es sei Stress. Er arbeitete zu viel, schlief zu wenig. Er machte sich keine Sorgen. Bis er eines Morgens aufwachte und den Namen seiner Mutter nicht mehr wusste. Er stand vor dem Spiegel und starrte auf sein eigenes Gesicht. Es kam ihm fremd vor, wie das Gesicht eines anderen. Die Augen, die ihn ansahen, waren seine eigenen, aber sie gehörten ihm nicht mehr. Er griff nach seinem Telefon. Seine Website war immer noch online. Sie war perfekt. Sie strahlte, glänzte, zog Besucher an wie ein Magnet. Aber er selbst wurde immer blasser. Und als er den Provider erreichen wollte, um zu fragen, was mit ihm geschah, war die Leitung tot. Die Website des Providers existierte nicht mehr. Es gab keine Nummer, keine Adresse, kein E-Mail. Nur der Keller.

Die Rückkehr in den Keller.

Elias stand wieder vor der Stahltür. Diesmal klopfte er nicht. Er trat einfach ein. Die Treppe führte ihn hinab, durch die gleichen Gänge, an den gleichen Regalen vorbei. Aber diesmal war Lilith nicht in der Mitte des Raumes. Sie saß an einem Tisch, der vorher nicht da gewesen war, und schrieb in ein dickes Buch. "Du hast den Vertrag unterschrieben", sagte sie, ohne aufzusehen. "Ich habe meine Erinnerungen verloren", sagte Elias. "Meine Mutter. Ihr Name. Ich weiß nicht mehr, wie sie hieß." Lilith hob den Blick. Ihre Augen waren jetzt ganz schwarz, wie zwei tiefe Brunnen. "Das ist der Preis", sagte sie. "Nicht der Preis, den du bezahlt hast, sondern der Preis, den du noch bezahlen wirst." "Was meinst du damit?" Lilith schloss das Buch. Auf dem Deckel stand ein Name: **Elias**. "Du hast nicht nur Webspace gemietet", sagte sie. "Du hast deine Domain verkauft. An einen Provider, der nicht nur Speicherplatz, sondern das Leben seiner Kunden sammelt." "Warum?", flüsterte Elias. "Weil Erinnerungen das wertvollste Gut der digitalen Welt sind", sagte Lilith. "Sie sind das Einzige, was wirklich bleibt. Was wirklich zählt."

Die Bibliothek der vergessenen Seelen.

Lilith führte ihn tiefer in das Archiv. Die Regale wurden höher, die Gänge enger. Der Geruch von altem Papier und vergessenen Gedanken wurde stärker. "Hier", sagte sie und blieb vor einem Regal stehen, das sich bis zur Decke erstreckte. "Hier sind die Seelen der Menschen, die den gleichen Fehler gemacht haben wie du." Sie zog einen Ordner heraus. Darin ein Foto eines jungen Mannes. Seine Augen waren leer. "Er hat seinen Internetauftritt bei dem gleichen Provider gebucht", sagte Lilith. "Jetzt ist er nur noch eine Domain. Eine leere Hülle." Elias sah sich um. Hunderte von Ordnern. Hunderte von Gesichtern. Hunderte von vergessenen Geschichten. "Wer ist der Provider?", fragte er. Lilith zögerte. "Er hat viele Namen", sagte sie. "Globale Datenarchiv GmbH ist nur einer davon. Aber hinter dem Namen steht ein Konzern, der so alt ist wie das Internet selbst. Er kauft Domains, er sammelt Erinnerungen, und er macht aus den Menschen, die ihm vertrauen, leere Hüllen." "Warum tust du nichts?", fragte Elias. Lilith lächelte traurig. "Ich bin die Hüterin der vergessenen Domains", sagte sie. "Ich bewahre auf, was andere verloren haben. Aber ich kann nicht verhindern, was geschieht. Ich kann es nur dokumentieren."

Der Vertrag im Kleingedruckten.

Elias setzte sich an Liliths Tisch und las den Vertrag. Langsam. Wort für Wort. Es war nicht der Vertrag, den er unterschrieben hatte. Es war ein anderer. Ein Vertrag, der in einer Sprache geschrieben war, die älter war als das Internet, älter als die Server, älter als alles, was er kannte. *Mit der Unterzeichnung dieses Dokuments erklärt sich der Unterzeichner bereit, alle Rechte an seiner digitalen Identität, einschließlich, aber nicht beschränkt auf, Erinnerungen, Träume und persönliche Erfahrungen, an den Provider zu übertragen. Der Preis für die Domain und den Webspace wird in Form von Erinnerungen beglichen.* Elias las den Satz dreimal. Er verstand ihn nicht. "Das ist unmöglich", sagte er. "Das ist kein rechtsgültiger Vertrag." "Das ist kein rechtsgültiger Vertrag", stimmte Lilith zu. "Es ist ein magischer Vertrag. Einer, der auf einer anderen Ebene gilt. Einer, den das Gesetz nicht schützen kann, weil er jenseits des Gesetzes liegt." "Was bedeutet das?", fragte Elias. "Es bedeutet, dass du deine Erinnerungen nicht zurückbekommst, solange der Vertrag besteht." "Und wie kann ich ihn auflösen?" Lilith sah ihn an. Ihr Blick war unergründlich. "Du musst ihn neu verhandeln. Du musst dem Provider etwas anbieten, das wertvoller ist als deine Erinnerungen." "Was könnte das sein?", flüsterte Elias. Lilith schwieg.

Die Geschichte der toten Domains.

Lilith öffnete das schwere Buch auf ihrem Tisch. "Jede Domain erzählt eine Geschichte", sagte sie. "Jede Website, jeder Internetauftritt ist ein Fragment des Lebens ihres Besitzers. Wenn eine Domain stirbt, stirbt ein Stück dieses Lebens." Sie blätterte durch die Seiten. "Hier, zum Beispiel", sagte sie und zeigte auf einen Eintrag. "Die Domain eines jungen Mädchens. Sie hat einen Blog über ihre Reisen geschrieben. Als sie starb, wurde die Domain gelöscht. Aber ich habe sie aufgehoben." Auf der Seite stand der Name der Domain und ein Datum. Mehr nicht. "Die Erinnerungen leben in den Geschichten weiter", sagte Lilith. "In den Worten, die sie hinterlassen haben. In den Bildern, die sie gezeigt haben. Das ist der wahre Webspace – der Raum, den die Erinnerung einnimmt." Elias verstand plötzlich. "Der Provider", sagte er langsam. "Er sammelt nicht nur Erinnerungen. Er sammelt Geschichten. Er will sie für sich haben." Lilith nickte. "Er will das Archiv der menschlichen Erfahrung besitzen. Alle Geschichten, alle Träume, alle Hoffnungen. Wenn er sie alle hat, wird er die ultimative Macht über die digitale Welt haben." "Und ich bin nur eine von vielen?", fragte Elias. "Ja", sagte Lilith. "Aber du bist eine, die noch kämpfen kann."

Der Deal mit der Bibliothekarin.

Lilith schlug Elias einen Deal vor. "Ich gebe dir deine Domain zurück", sagte sie. "Deinen Namen, deine Erinnerungen, dein Leben. Aber du musst mir im Gegenzug etwas geben." "Was?", fragte Elias. "Eine Geschichte", sagte Lilith. "Die Geschichte deines Lebens. Alles, was du erlebt hast. Alles, was du fühlst. Alles, was du weißt." Elias zögerte. "Und wenn ich sie dir gebe?", fragte er. "Dann wirst du sie verlieren", sagte Lilith. "Sie wird Teil der Bibliothek. Aber du wirst dein Leben zurückbekommen. Deine Erinnerungen an deine Mutter, deine Freunde, deine Träume." "Das ist ein Tausch", sagte Elias. "Eine Geschichte gegen ein Leben." "Ja", sagte Lilith. "Das ist der einzige Weg." Elias dachte lange nach. Dann nickte er. "Ich nehme den Deal an."

Die erste Geschichte.

Elias begann zu erzählen. Er erzählte von seiner Kindheit. Von den Sommern bei seiner Großmutter. Vom Geruch ihres Gartens, von den Kirschen, die sie vom Baum pflückte, von ihren Liedern, die sie in der Küche sang. Die Worte flossen aus ihm heraus, als hätte er sie lange zurückgehalten. Jeder Satz war ein Stück von ihm, das er losließ. Jede Erinnerung, die er in Worte fasste, wurde zu einem Kärtchen, das Lilith in ein neues Regal legte. Als er geendet hatte, war sein Gesicht nass von Tränen. "Danke", sagte Lilith. "Deine Geschichte ist wertvoll." Sie reichte ihm einen Zettel. Darauf stand ein Name und eine Domain. "Deine Domain", sagte sie. "Du kannst sie jetzt zurücknehmen. Aber denke daran: Jede Geschichte, die du mir erzählt hast, wird hier in der Bibliothek bleiben." Elias nahm den Zettel. Seine Hände zitterten. Er war frei. Aber er hatte etwas verloren, das er nie wieder zurückbekommen würde.

Der Preis der Sichtbarkeit.

Elias kehrte in sein Leben zurück. Seine Website war wieder online. Sein Internetauftritt strahlte wie eh und je. Die Besucher kamen, die Kunden zahlten, die Welt war in Ordnung. Aber er spürte eine Leere in sich. Eine Leere, die nicht zu füllen war. Er erinnerte sich an seine Mutter, an ihre Stimme, an ihren Namen. Aber die Geschichten, die er Lilith erzählt hatte, waren verloren. Sie existierten nur noch in der Bibliothek der toten Domains. Eines Nachts stand er wieder vor der Stahltür. Er hatte es nicht geplant. Seine Füße hatten ihn einfach hingetragen. Er trat ein. Lilith saß an ihrem Tisch. Vor ihr lag das Buch mit seinem Namen. "Du bist zurückgekommen", sagte sie. "Ja", sagte Elias. "Ich habe noch mehr Geschichten." Lilith lächelte. "Ich habe auf dich gewartet."

Die Versuchung.

Elias erzählte wieder. Eine Geschichte nach der anderen. Er erzählte von seiner ersten Liebe, von den Nächten, die er in einer kleinen Wohnung in der Neustadt verbracht hatte, von den Träumen, die er als junger Mann geträumt hatte. Jede Geschichte, die er erzählte, wurde zu einem neuen Eintrag in der Bibliothek. Jede Erinnerung, die er losließ, machte ihn ein bisschen leichter. Aber auch ein bisschen leerer. "Warum tust du das?", fragte Lilith eines Tages. "Du könntest aufhören. Du könntest dein Leben leben." "Ich kann nicht aufhören", sagte Elias. "Die Leere in mir, sie wird nicht kleiner. Sie wird größer. Jedes Mal, wenn ich eine Geschichte erzähle, verliere ich ein Stück von mir selbst." Lilith schwieg. "Aber ich habe das Gefühl", sagte Elias, "dass ich nur so wirklich ich selbst sein kann. Indem ich die Geschichten erzähle, gebe ich ihnen ein Leben. Ein Leben, das über mich hinausgeht." Lilith nickte. "Das ist die Magie der Geschichten", sagte sie. "Sie überdauern den Tod. Sie überdauern die Erinnerung."

Die Konfrontation mit dem Provider.

Elias wusste, dass er sich dem Provider stellen musste. Er hatte keine Wahl. Der Konzern hatte längst seine Finger überall. Er kontrollierte nicht nur die Domains, sondern auch die Geschichten der Menschen. Er sammelte sie, speicherte sie, machte sie zu einem Teil seines Archivs. Elias fand den Hauptsitz des Providers in einem verlassenen Gebäude am Rande der Stadt. Es war ein riesiger, grauer Block, der aussah wie ein ehemaliges Kraftwerk. Er trat ein. Die Lichter flackerten. Die Maschinen summten. In der Mitte des Raumes thronte ein einzelner Server. Er war größer als jeder andere Server, den Elias je gesehen hatte. Seine Oberfläche war schwarz, fast wie polierter Obsidian. Eine Stimme ertönte aus den Lautsprechern. "Du bist Elias", sagte die Stimme. "Der Geschichtenerzähler." "Wer bist du?", fragte Elias. "Ich bin der Provider", sagte die Stimme. "Der Sammler der Geschichten. Der Hüter der Erinnerungen." "Du stiehlst sie", sagte Elias. "Du nimmst sie den Menschen, weil du sie besitzen willst." "Nein", sagte die Stimme. "Ich bewahre sie auf. Was glaubst du, was mit den Geschichten passiert, wenn ihre Besitzer sterben? Sie verschwinden. Sie werden vergessen. Ich gebe ihnen ein ewiges Leben." Elias schwieg. "Du kannst mich nicht aufhalten", sagte die Stimme. "Das Archiv wächst. Die Bibliothek der toten Domains wird immer größer. Und eines Tages wird sie die ganze Welt umfassen." "Nein", sagte Elias. "Sie wird es nicht." Er zog das schwere Buch aus seiner Tasche. Liliths Buch. Das Buch der Geschichten. "Ich habe hier etwas", sagte er. "Etwas, das du nicht hast." "Was?", fragte die Stimme. "Die Geschichten der Lebenden", sagte Elias. "Die Geschichten, die noch geschrieben werden. Die Geschichten, die noch gelebt werden. Sie gehören nicht dir." Er hob das Buch in die Höhe. "Und ich werde sie dir nicht geben."

Die Entscheidung.

Das Gebäude erbebte. Die Maschinen fingen an zu flackern, die Lichter flimmerten. Ein Geräusch erklang – ein tiefes, dröhnendes Summen. Die Stimme des Providers wurde lauter. "Gib mir das Buch!", rief sie. "Gib mir die Geschichten!" "Nein", sagte Elias. Er öffnete das Buch. Die Seiten flatterten, als der Wind durch den Raum zog. "Jede Geschichte, die in diesem Buch steht, ist eine Geschichte, die du nicht besitzen wirst", sagte Elias. "Jede Erinnerung, die hier aufgeschrieben ist, ist eine Erinnerung, die dir entgeht." Die Maschinen heulten. Die Server glühten rot auf. "Du zerstörst mich!", rief der Provider. "Nein", sagte Elias. "Ich befreie mich." Er riss eine Seite aus dem Buch. Die erste Geschichte. Die Geschichte seiner Mutter. Der Provider schrie. Elias riss die nächste Seite heraus. Dann die nächste. Jede Geschichte, die er erzählt hatte, jede Erinnerung, die er losgelassen hatte, nahm er zurück. Das Gebäude begann einzustürzen. Die Decke brach ein, die Wände barsten. Elias rannte. Er rannte durch die Flure, die Gänge, die Treppen. Hinter ihm zerfiel das Archiv des Providers zu Staub. Als er ins Freie trat, war die Nacht kalt und klar. Die Sterne funkelten am Himmel. Er atmete tief ein. Die Erinnerungen kehrten zurück. Der Name seiner Mutter. Der Geruch ihrer Küche. Das Gefühl ihrer Umarmung. Er war frei.

Die Bibliothek lebt weiter.

Elias kehrte in den Keller zurück. Lilith saß an ihrem Tisch, ihre Augen waren traurig. "Du hast das Buch verbrannt", sagte sie. "Die Geschichten sind verloren." "Nein", sagte Elias. "Die Geschichten sind nicht verloren. Sie leben in mir. Jede Geschichte, die ich erzählt habe, lebt in mir weiter." Lilith lächelte. "Du hast verstanden", sagte sie. "Die Geschichten sind nicht in den Worten. Sie sind in den Menschen, die sie leben." Sie stand auf. "Die Bibliothek wird weiterleben", sagte sie. "Nicht in den Regalen, nicht in den Ordnern. In den Herzen derer, die ihre Geschichten erzählen." Elias nickte. "Ich werde sie am Leben erhalten", sagte er.

Der neue Anfang.

Elias verließ den Keller. Der Hinterhof lag ruhig im Licht des Mondes. Die Stahltür schloss sich hinter ihm mit einem leisen Klicken. Er atmete die kühle Nachtluft ein. Der Geruch von altem Papier und Staub blieb in seiner Kleidung haften, aber er störte ihn nicht. Es war ein Geruch, der ihm etwas bedeutete. Es war der Geruch der Geschichten. Er ging durch die Straßen der Neustadt, vorbei an den alten Häusern, den verwinkelten Gassen. Die Stadt war still, aber sie war lebendig. Jedes Fenster, das er sah, jede Tür, jede Laterne erzählte eine Geschichte. Er würde sie alle aufschreiben. Alle Geschichten, die er gehört hatte. Alle Geschichten, die er selbst erlebt hatte. Der Provider war besiegt. Aber die Bibliothek der toten Domains würde weiterleben. Nicht als Archiv, sondern als Erinnerung. Eine Erinnerung an die Macht der Geschichten. Eine Erinnerung an den Preis der Sichtbarkeit. Und eine Erinnerung daran, dass der wertvollste Webspace nicht in den Servern lag. Sondern im Herzen der Menschen, die ihre Geschichten lebten. Elias lächelte. Er wusste jetzt, was er zu tun hatte.

Eine neue Hüterin der Geschichten erwacht.

Die Festplatten atmeten nicht mehr. Der Keller lag still und verlassen. Die Regale waren leer, die Ordner verschwunden. Nur ein einzelnes Buch lag auf dem Tisch. Es war nicht das Buch der Geschichten. Es war ein anderes Buch. Ein neues Buch. Auf dem Deckel stand ein Name: **Lilith**. Eine junge Frau trat durch die Tür, die Stahltür, die sich leise hinter ihr schloss. Sie trug ein Kleid aus schwarzem Samt, das bis zum Boden reichte. Ihr Haar war noch jung, ihre Augen hell. Sie setzte sich an den Tisch und öffnete das Buch. Die erste Seite war leer. Sie würde sie füllen. Mit Geschichten. Mit Erinnerungen. Mit dem Leben derer, die ihre Geschichten nicht verlieren wollten. Die Bibliothek der toten Domains lebte weiter. Nicht in den Servern. Nicht in den Regalen. In den Herzen derer, die erzählten. Und in denen, die zuhörten.


Mit herzlichem Dank und den besten Wünschen,
Ihr Kartograf der Kuriositäten und globetrottender Geschichtenerzähler

uwR5


*Der geneigte Leser möge entschuldigen, dass wir nicht erwähnen, welche Orte, Ortsnamen und Sehenswürdigkeiten im Verlaufe der vergangenen mehr als 100 Jahre, durch den ersten und zweiten Weltkrieg, viele Jahre entwickelte Sozialistische Gesellschaft und mehrerer Rechtschreibreformen verloren gingen oder geändert wurden.

Quellenangaben:
Inspiriert von den düsteren Erinnerungen an einem herbstlichen Vormittag
Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen,
Meyers Konversations-Lexikon 3. Auflage 1874 - 1884
Wikipedia – Die freie Enzyklopädie


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