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Zweites Kapitel der Reise nach Laputa, Lagado 7.

Die Laputier werden so sehr durch die Besorgnis dieser Gefahren und ihren Folgen geängstigt, daß sie nicht ruhig schlafen und sich auch durch die gewöhnlichen Vergnügungen des Lebens nicht erholen können. Begegnen sie ihren Freunden des Morgens früh, so betrifft die erste Frage die Gesundheit der Sonne, wie sie sich beim Abend- und Morgenrot befand, ferner auch, ob Hoffnung vorhanden ist, den Stoß des nahenden Kometen zu vermeiden. So geht es in dem Gespräche mit demselben Vergnügen fort, das Kinder bei schrecklichen Geschichten von Geistern und Gespenstern empfinden, die sie[180] begierig anhören, um aus Furcht nicht zu Bett gehen zu können. Die Weiber dieser Insel sind außerordentlich lebhaft. Sie verachten ihre Gatten und lieben die Fremden sehr. Fremde kommen nämlich in bedeutender Anzahl vom Festland herüber und begeben sich an den Hof, entweder wegen der Geschäfte ihrer Städte und Korporationen oder wegen anderer Angelegenheiten, die ihre eigene Person betreffen. Sie werden jedoch verachtet, weil sie keine hohen Geistesgaben besitzen. Unter diesen wählen die Damen ihre Liebhaber. Hierbei ereignet sich jedoch leicht ein Unglück. Die Ehemänner sind so sehr in ihre Spekulationen vertieft, daß ihre Frauen sich vor ihren Augen die größten Vertraulichkeiten mit den Liebhabern erlauben dürfen, wenn die Ehemänner Papier und Instrumente zur Hand und keinen Klatscher zur Seite haben. Die Gattinnen und Töchter beklagen, daß sie auf die Insel beschränkt sind, obgleich ich diese für den angenehmsten Ort der ganzen Welt halte. Wie sehr sie auch im Überfluß leben, wollen sie die Welt sehen und die Vergnügungen der Hauptstadt genießen, was ihnen aber ohne besondere Erlaubnis des Königs nicht gestattet ist. Diese Erlaubnis wird aber nur nach vielen Schwierigkeiten erlangt, da die Personen von Stande häufig erfahren haben, wie schwer es ist, ihre Frauen zur Rückkehr zu überreden. Mir wurde erzählt, eine vornehme Hofdame, die bereits mehrere Kinde hatte und an den Premierminister, den reichsten Untertan des Königreiches, vermählt war, der, schön und in sie verliebt, in der besten Gegend der Insel wohnt, sei unter dem Vorwande, ihre Gesundheit zu verbessern, nach Lagado gereist und habe sich dort mehrere Monate lang verborgen, bis der König einen Befehl, sie aufzusuchen, absandte. Hierauf fand man sie in einer elenden Spelunke, und zwar ganz zerlumpt, da sie ihre Kleider verpfändet hatte, um einen alten und häßlichen Bedienten zu ernähren, der sie täglich prügelte und aus dessen Gesellschaft sie widerstrebend fortgeführt wurde. Obgleich ihr Gemahl sie mit aller nur[181] möglichen Güte und ohne den geringsten Vorwurf empfing, verstand sie es dennoch wieder, sich hinabzustehlen. Sie begab sich mit allen ihren Juwelen zu demselben Galan, und man hat seitdem nichts mehr von ihr gehört. Der Leser glaubt vielleicht, diese Geschichte habe sich in Europa, vielleicht in England, aber nicht in einem so entfernten Lande ereignet. Er muß jedoch bedenken, daß die Launen der Weiber nicht auf ein besonderes Klima oder Volk beschränkt und bei Weibern überhaupt allgemeiner sind, als man wohl glauben sollte. Nach ungefähr einem Monat hatte ich bedeutende Fortschritte im Erlernen der Landessprache gemacht und war imstande, die Fragen des Königs zu beantworten, wenn ich die Ehre einer Audienz erhielt. Seine Majestät zeigte aber nicht die geringste Neugier in betreff der Gesetze, Regierungsform, Geschichte, Religion oder der Sitten jener Länder, die ich bereits gesehen hatte, sondern beschränkte ihre Fragen auf den Zustand der mathematischen Wissenschaften. Der Bericht, den ich gab, wurde mit größter Gleichgültigkeit und Verachtung von dem König angehört, obgleich die Klatscher an beiden Seiten ihre Maschinen häufig in Wirksamkeit setzten. Quelle: Jonathan Swift Gullivers Reisen zu mehreren Völkern der Welt Erstdruck London 1726 - Übersetzung von Franz Kottenkamp www.zeno.org Zenodot Verlagsgesellschaft mbH

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