Die Stille am Dom zu
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Der Kapitän kam von Tunkin und war auf seiner Rückkehr nach England in den vierundvierzigsten Grad nördlicher Breite und den hundertundvierzigsten Grad der Länge nordöstlich verschlagen worden. Zwei Tage nach meiner Ankunft an Bord begann ein Passatwind; wir segelten zuerst südlich, dann der Küste von Neuholland entlang, hierauf Südsüdwest, bis wir das Kap der Guten Hoffnung umfuhren. Unsere Reise war günstig; ich will den Leser aber mit einer Beschreibung davon nicht langweilen. Der Kapitän lief ein paar Häfen an und setzte das lange Boot aus, um frisches Wasser und Lebensmittel einzunehmen. Allein ich verließ das Schiff nie mehr, als bis wir am 3. Juli 1706, ungefähr neun Monate nach meiner Befreiung, in den Dünen anlangten.
Ich trug dem Kapitän meine Besitztümer als Bürgschaft für die Bezahlung der Überfahrt an, allein er schwur, von mir nicht einen Heller annehmen zu wollen. Wir nahmen sehr freundschaftlich voneinander Abschied, und ich entlockte ihm das Versprechen, mich zu Hause in Redriff zu besuchen. Dann mietete ich ein Pferd und einen Führer um fünf Schillinge, die mir der Kapitän borgte.
Als ich nun unterwegs die Kleinheit der Häuser und Bäume, des Rindviehs und der Menschen bemerkte, begann ich zu glauben, ich sei in Liliput. Ich befürchtete, jeden mir begegnenden Reisenden zu zertreten, und schrie ihnen oft mit lauter Stimme zu, sie sollten mir aus dem Wege gehen, so daß jene mehreremal nahe daran waren, mich zu verhauen.
Als ich nun mein Haus betrat, das ich hatte erfragen müssen, und als ein Bedienter die Haustür öffnete, bückte ich mich beim Hineingehen wie eine Gans, die ein Tor passiert, denn ich ich befürchtete, mir den Kopf einzustoßen. Meine Frau lief mir entgegen, um mich zu umarmen, ich bückte mich aber tiefer als ihre Knie, denn ich glaubte, sonst würde sie meinen Mund nicht erreichen können. Meine Tochter kniete vor mir nieder und bat mich um meinen Segen; ich sah sie aber nicht eher, als bis sie aufstand, da ich so lange gewohnt gewesen war, Kopf und Augen in die Höhe zu heben, um über sechzig Fuß hoch emporzusehen; dann umschlang ich ihren Leib mit meinem Arm, um sie in die Höhe zu heben. Einige meiner Freunde, die gerade im Hause waren, und mein Gesinde behandelte ich in solcher solcher Weise, als sei ich ein Riese und sie nur Zwerge. Ich sagte meiner Frau, sie sei zu knickrig gewesen, denn ich fände sie halb verhungert und meine Tochter fast gänzlich ausgedörrt wieder. Kurz, ich benahm mich so sonderbar, daß alle bei der ersten Unterredung der Meinung des Kapitäns waren, Witz und Verstand seien mir gänzlich verschwunden. Dies führe ich als Beispiel an für die große Macht des Vorurteils und der Gewohnheit.
In kurzem wurde das gute Einverständnis zwischen mir und meiner Familie wiederhergestellt. Meine Frau verbot mir, je wieder in See zu gehen, allein mein mein Schicksal hat es leider gefügt, daß sie keine Gewalt besaß, mich daran zu hindern, wie der Leser bald erfahren wird. Unterdessen mache ich hier Schluß mit dem zweiten Teil meiner unglücklichen Reise.
Quelle:
Jonathan Swift
Gullivers Reisen zu mehreren Völkern der Welt
Erstdruck London 1726 - Übersetzung von Franz Kottenkamp
www.zeno.org Zenodot Verlagsgesellschaft mbH
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